Rohstoffe und Stoffarten: Ihre Eigenschaften, Vorteile und Nachteile

 

Wir werden oft gefragt, welcher der perfekte Stoff für einen Maßanzug ist. Unsere Antwort: Einen Stoff für alle Gelegenheiten gibt es nicht. Um den richtigen Stoff für Ihren Maßanzug auszuwählen, sollten Sie die Vor- und Nachteile der verschiedenen Materialien kennen. Denn ein Anzug aus aus Kaschmir trägt sich vollkommen anders als ein Anzug aus Baumwolle. Ersterer ist weicher und leichter, aber auch der Anzug aus Baumwolle hat seine Vorteile – er ist z. B. robuster und kostet viel weniger. 

Die Auswahl der Materialien und Stoffarten ist so groß wie verwirrend: Leinen, Baumwolle, Wolle, Tweed, Flanell, Seide, Popeline, Seersucker, Kaschmir, Chemiefasern – und das sind noch lange nicht alle. Ein erster Überblick: 

Rohstoffe

 

WOLLE

Das meistverwendete Material für hochwertige Anzüge – nur die Haare vom Schaf werden als Wolle bezeichnet. Nach den Schafrassen unterscheidet man verschiedene Wollarten, die feinste ist die Merinowolle, die besonders häufig für Anzüge verwendet wird. Die Haare sind stark gekräuselt, eher kurz (35-150 mm), fein, weich und glanzarm. Schurwolle ist Wolle, die zum ersten Mal verarbeitet wird – im Englischen New Wool. Steht im Etikett nur Wolle, kann auch recyceltes Material darinstecken. Schurwolle ist sehr elastisch, knitterarm und schmutzabweisend. Sie kann viel Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich feucht anzufühlen, und sie kann lange Wärme speichern. Für Anzüge in mitteleuropäischen Klima also der ideale Stoff. Je nach Feinheit und Verarbeitung unterscheiden sich die Einsatzgebiete (siehe Super 100, Tweed, Flanell).

 

BAUMWOLLE

Im Anzugbereich ist Baumwolle zwar nicht die Nummer 1, aber ansonsten ist sie die beliebteste Faser für Bekleidung. Baumwolle ist weich und anschmiegsam, die Zellulosefaser wird aus den Samenhaare der Baumwollpflanze gewonnen – je länger die Fasern, desto besser die Qualität. Vor allem bei Maßhemden kommt sie bei uns zum Einsatz, aber auch für sommerliche Anzüge empfehlen wir sie gern. Denn sie hat hervorragende hygienische Eigenschaften und ein niedriges Allergierisiko, sie ist hautfreundlich und reißfest. Allerdings ist sie nicht sehr elastisch, sie knittert und flust leicht. Ihr niedriger Preis aber ist ein weiteres Argument für sie. Siehe auch: Seersucker, Moleskin, Samt, Cord

 

LEINEN

Für den Sommer oder warme Klimazonen ist Leinen das ideale Material für Ihren Maßanzug. Es ist einer der ältesten Rohstoffe für Bekleidung und hat viele Vorzüge: Leinen ist leicht, ein sehr guter Wärmeleiter, der wenig Luft einschließt und die Körperwärme schnell ableitet. Kleidung aus Leinen fühlt sich kühl an und saugt weniger Feuchtigkeit auf als Baumwolle. Aber Leinen ist eben auch wenig elastisch und knittert daher stark – wer die Falten reduzieren will, wählt für seinen Maßanzug eine Mischung mit Baumwolle.

 

KASCHMIR

Die Haare der Kaschmirziege wärmen sehr gut, sie sind sehr leicht, weich und fein. Kaschmir gilt allgemein als eine sehr hochwertige Faser. Dabei übersehen einige Kunden, dass Kaschmir nicht sehr strapazierfähig ist, Kaschmirstoffe neigen auch zu starker Pillingbildung. Deshalb empfehlen wir Kaschmir meist nur als Beimischung in Anzugstoffen, sie werden dadurch schön weich mit einem eleganten Glanz, ohne dass die Reißfestigkeit darunter leidet.

 

SEIDE

In der Herrenmode kommt edel glänzende Seide oft als Beimischung zum Einsatz – mit Baumwolle für Hemden, mit Schurwolle für Anzüge. Seide ist sehr fein, fest, aber leicht und knitterarm mit einem weich fließendem Fall. Sie ist sehr elastisch und isoliert gut, aber sie ist leider auch empfindlich gegen Schweiß, Licht und Hitze sowie gegen Säure und Lauge. Ein Anzug aus reiner Seide ist ein sehr kostspieliger Traum – angenehm bei Wärme und Kälte, leicht und reißfest zugleich.

 

CHEMIEFASERN

Für die synthetischen Chemiefasern Polyester, Polyamid und Polyacryl verwendet man Kohle, Erdöl, Wasser und Erdgas und wandelt diese chemisch um. Je nach Bedarf kann man die Eigenschaften der Fasern in der Herstellung steuern. Sie sind leicht, sehr reißfest, sie laufen nicht ein und knittern kaum. Aber: Sie sind nicht atmungsaktiv, viele Männer schwitzen stark in Anzügen aus Synthetics, sie haben einen unnatürlichen Glanz und laden sich elektrostatisch auf. Deshalb empfehlen wir nur Stoffe mit einem geringen Anteil an Kunstfasern, z. B. einen kleinen Prozentsatz von Elastan, wodurch der Stoff elastischer und haltbarer wird.

 

 

Stoffarten

 

SUPER 100

Anzugstoffe aus Schurwolle werden häufig mit einer Super-Zahl ausgezeichnet. Früher konnte man daran erkennen, auf wie viele Zentimeter ein Gramm des Garns ausgesponnen werden kann (Super 100 entsprach einem Meter Garn), aber dieses Verhältnis stimmt heute nicht mehr. Immer noch gilt: Je höher die Zahl, desto feiner, leichter – aber auch anfälliger – ist das Material. Deshalb: Mit Super 100 bis 130 liegen Sie für den Alltag meist richtig.

 

FLANELL

Flanell macht sich eine besondere Eigenschaft der Wolle zu eigen: ihre Neigung zum Verfilzen. Wärme und Reibung, gezielt angewendet, lassen die Schuppen der Wollhaare miteinander verhaken. Nach dem anschließenden Aufrauen entsteht eine geschlossene Oberfläche, der man die Webstruktur nicht mehr ansieht. Die Vorteile: Durch den hohen Lufteinschluss wärmt Flanell gut auch bei verhältnismäßig geringem Gewicht, er fühlt sich sehr weich an und knittert wenig. Leichtere Flanellqualitäten eignen sich bestens für Business- und Freizeitanzüge – graue Flanellhosen zum Blazer sind ein Klassiker. Sportliche Sakkos aus dicken Flanellen sind der ideale Casual-Look für Herbst und Winter. Bei festlichen Gelegenheiten und im Sommer sollten Sie Ihre Flanellgarderobe allerdings im Schrank lassen.

 

SEERSUCKER

Seersucker erkennt man an seiner welligen Oberfläche, die durch eine spezielle Webart entsteht. Meist ist er aus Baumwolle, er kann aber auch aus Leinen oder Seide gewebt werden. Ein Anzug aus Seersucker gehört einfach in den Sommer: Er ist fast knitterfrei, kühl auf der Haut und sieht dabei lässig und elegant zugleich aus. Vor allem in den USA gehört er fest ins sommerliche Repertoire von Männern mit Stil. Die typischen blauweißen Streifen sind selbstverständlich keine Pflicht mehr: Seersucker gibt es auch in vielen Unitönen.

 

TWEED

Sakkos, Jacken und Mäntel aus den groben Wollstoffen in Handweboptik sehen eher informell aus: Ursprünglich für die Jagd oder den Sport gedacht, werden sie noch heute in der Freizeit oder in Branchen ohne strengen Dresscode getragen. Ihre optimale Umgebung ist die frische Luft, das Kaminzimmer oder ein zugiges Schloss – für ein Büro mit Zentralheizung eignen sie sich weniger. Lesen Sie hier mehr über Tweed.

 

 

CAVALRY TWILL

Seinen militärischen Ursprung hat der Cavalry Twill zwar abgelegt, aber einen schneidigen Eindruck kann man damit immer noch machen. Wenn man genau hinschaut, erinnert die Struktur dieses Materials mit seinen schrägen Rippen an Denim. Aus reiner Schurwolle ist das Gewebe mit Köperbindung besonders dicht gewebt und dadurch strapazierfähig und elastisch – ideal also für sportliche Sakkos, Hosen und Mäntel nach Maß.

 

WHIPCORD

Zum Kuscheln eignet sich dieser elegant schimmernde Wollstoff weniger, was die deutsche Übersetzung „Peitschenschnur“ schon ahnen lässt. Auch mit flauschigem Cord hat er nicht viel gemein. Wie bei einer Jeans erkennen Sie eine schräg verlaufende Rippstruktur; der Whipcord hat einen trockenen Griff und ein geringes Volumen. Ursprünglich eingesetzt für strapazierfähige Arbeitskleidung und Uniformen, macht der Whipcord jetzt auch in der Business-Kleidung einen sehr guten Eindruck.

CORD

Meist aus reiner Baumwolle hergestellt, gehört der Stoff mit den flauschigen Längsrippen streng genommen zur Freizeitbekleidung. Je nach Breite der Rippen unterscheidet man ihn in Breit-, Fein- oder Babycord. Allen gemein ist der hohe Tragekomfort: Cord ist weich, anschmiegsam und maschinenwaschbar (aber Vorsicht bei gefütterten Jacketts!). Einen Anzug aus Cord sollten Sie hin und wieder aufbügeln lassen, er bekommt leicht Tragefalten. Lesen Sie hier mehr über Cord

 

SAMT

In den Sechziger- und Siebzigerjahren waren Samtjacketts der Inbegriff von schickem Ausgeh-Look, auch Smokings aus Samt kommen seither regelmäßig in Mode. Aus Baumwolle, seltener Viskose oder Seide, hat das Material dank seiner plüschigen Oberfläche einen feinen Glanz – wodurch aber etwaige Knitterfalten schnell sichtbar werden. Und auffällig sind Samtmodelle sowieso: Sie sollten einen gewissen Hang zur Extrovertiertheit mitbringen, wenn Sie ihren Auftritt in Samt genießen wollen.

 

MOLESKIN

Übersetzt heißt Moleskin Maulwurfsfell – der Name beschreibt den Griff des Stoffs sehr gut. Hergestellt wird er aus dicht gewebter Baumwolle, die dann aufgerauht wird. Dadurch entsteht ein robustes Gewebe mit samtiger Oberfläche. Durch das baumwolltypische Knittern wirkt Moleskin recht sportlich und eignet sich eher für Freizeithosen und -anzüge.