Der Journalist Jan Joswig besuchte für uns die Berliner Fashion Week. In seinem Beitrag verrät er die neuesten Trends für den Gentleman von heute.

Natürlich: Wer Stil hat, ist über die saisonalen Verrenkungen der Mode erhaben. Dennoch würde ein noch so tadelloser Tweed-Anzug von 1974 mit seinem breiten Revers und dem ausgestellten Bein vierzig Jahre später antiquiert aussehen. Stil zu haben bedeutet, dem Modediktat nicht ausgeliefert zu sein, es aber dennoch im Blick zu behalten – um ihm im Kleinen seine Referenz zu erweisen. 

Die Berliner Fashion Week hat über die letzten Jahre ihre Ausrichtung von Streetwear gen Urban Superior verschoben. So hält sie auch für den modernen Gentleman wertvolle Impulse bereit. Wir haben nach den Superior-Nuggets auf den Schauen im Mercedes-Benz-Zelt und auf den wichtigsten Berliner Messen Bread & Butter und Premium geschürft.

Die Epoche der Ironie ist vorbei. Ungebrochene Gediegenheit erhebt ihr diskretes Haupt. Fingerspitzengefühl beweist man nicht mehr durch originelle Akzente. Die altrosa Manschettenknötchen, die waldmeistergrünen Strümpfe, sie wirken nur noch wie die berüchtigte Mickey-Mouse-Krawatte zum grauen Zweireiher. Die graue Eminenz glänzt dadurch, dass sie überhaupt nicht glänzt. Matte, wollige Stoffe – von Tweed über Flanell bis Samt – und unbetont konstruierte Schnitte geben den Ton vor. Melierte Strukturen statt offensiver Muster mildern die gedämpfte Farbpalette zusätzlich ab: Brau, Grau, Weinrot – und bloß keine Witze. Sie können Schwarz mit Braun kombinieren, aber verzichten Sie auf die leuchtend orangefarbene Unterweste, die Ihnen die Modewelt gerade als "mutiges Statement" unter das Sakko schmuggeln möchte.

Mutig ist es, auf alles Mutwillige zu verzichten


Mutig ist es, auf alles Mutwillige zu verzichten. Sie sind ganz unter sich, müssen nichts repräsentieren, nichts zu Markte tragen. Sie genießen eine private Liaison mit Ihrer Garderobe, die Welt ist Ihr Kaminzimmer. Es gilt das Architekturdiktum von Adolf Loos: Ornament ist Verbrechen. Einstecktuch und Seidenschal gehören zu solch dekadenten Arabesken. Wenn Sie ein i-Tüpfelchen durch Accessoires setzen wollen, greifen Sie auf Nützliches zurück: Autofahrerhandschuhe, Flachmann oder einen Regenschirm – in klassischem Schwarz, aber mit galant asymmetrisch auskragendem Schirm, um die bessere Hälfte besser schützen zu können.

Das Sakko kann zweireihig geknöpft sein, protzt aber auf keinen Fall mit ausgestellten Schultern. Die Hose weitet sich im Bein und rutscht in der Hüfte nach oben. Erwachsene Bequemlichkeit verdrängt die zwangsjugendliche Röhre. Selbst die informelle Strickkrawatte ist in ihrer auffälligen Struktur noch zu eitel. Die glattgewebte Wollkrawatte setzt das Non plus ultra an dezenter Einfalt.

 

Das Kleidungsstück mit der stärksten Symbolkraft für diese souveräne Unaufdringlichkeit versteckt sich im Freizeitbereich: der braune Wildlederblouson. Ergänzen Sie das Lieblingsstück aller Peugeot-504-Fahrer aus den 80ern durch einen graumelierten Sweater und jeder andere wird neben Ihrer mühelosen Nonchalance aussehen wie ein verkrampfter Gockel.

Je weniger eindeutige Distinktions-Signale die Mode anbietet, je stärker sie es auf den zweiten Blick ankommen lässt, umso schwieriger wird es, sich selbst durch seine Garderobe zu positionieren. Die aktuelle Mode setzt ganz auf den zweiten Blick. Was für jeden Mode-Legastheniker einen Alptraum bedeutet, lockt Männer mit echtem Stilempfinden erst aus der Reserve. Meine Herren, die nächsten Saisons sind Ihr goldenes Zeitalter.