Im Jahr 2010 nahmen sich Moritz Offeney und Marco Reiter vor, den Luxusmarkt grundlegend zu verändern – und zwar mit Schuhen. Sowohl online als auch in den Scarosso-Shops in Hamburg, Berlin und bald in Wien sowie in temporären Pop-up-Stores in ausgewählten Städten können Kunden für einen Bruchteil des handelsüblichen Preises aus ständigen und saisonalen Kollektionen wählen oder sich auf der Scarosso-Website selbst ihr individuelles Schuhdesign erstellen. Gefertigt werden alle Herren- und Damenschuhe in traditioneller, handwerklicher Technik in kleinen italienischen Manufakturen. Wir trafen die Unternehmer und sprachen mit ihnen über ihr Geschäftsmodell, warum der Preis nicht immer ein unmittelbarer Indikator für Qualität ist und warum Schuhe als Spiegelbild der eigenen Persönlichkeit gelten.

 

Zeige mir Deine Schuhe und ich sage Dir, wer Du bist ... Welche Schuhe tragen Sie denn heute?

Ich trage Jerome, einen Blake-genähten Oxford aus cognacfarbenem Kalbsleder mit gebuggter Naht und Cap-Toe aus der Heritage Collection, Marco trägt Gianluca Marrone, einen in Blake-Rapid-Technik doppelt genähten Oxford aus unserer Capsule-Collection von Johannes Huebl.

 

Wie sind Sie auf die Geschäftsidee für Scarosso gekommen? Haben Sie ein Faible für schöne Schuhe?  

Wir studierten beide an der SDA Bocconi in Mailand und wunderten uns, warum traditionell hergestellte Lederschuhe in Italien so viel günstiger zu haben sind als in Deutschland oder Österreich. Rund um Mailand gab und gibt es viele Manufakturen, die nicht nur für große Marken fertigen, sondern auch kleine eigene Kollektionen haben, die sie ohne Zwischenhändler selbst in kleinen Shops in Mailand vertreiben. In der Wirtschaft nennt man das ‚vertikale Integration’ – ohne Zwischenhändler lassen sich viel effizientere Margen kalkulieren und wir können Preisvorteile direkt an unsere Kunden weiterreichen. Wir fanden dieses Modell so klar und überzeugend, dass wir es auch in andere Länder bringen wollten.

 

Scarosso bietet individuelle Premium-Schuhe „Handmade in Italy“ zu einem erstaunlich günstigen Preis an. Können Sie uns Ihr Geschäftsgeheimnis nennen? Wie erklärt sich der gute Preis?

Das Geheimnis ist, dass es keins gibt. Um solche Schuhe herzustellen, darf nicht an Entwurf, Produktion oder Material gespart werden, wohl aber an den Wegen, die ein Schuh zurücklegt, bevor er zum Kunden kommt. Wir haben die herkömmlichen Vertriebswege genau betrachtet und verändert. Scarosso-Schuhe werden direkt in Italien designt und bei Premium-Produzenten produziert, bei uns gibt es keine Mittelsmänner, wir beziehen unsere Schuhe direkt von der Manufaktur. Für den Verkauf bedienen wir selbst alle On- und Offline-Kanäle und geben den Preisvorteil direkt an unsere Kunden weiter – das ermöglicht es uns, Qualität der Spitzenklasse zu einem revolutionären Preis anzubieten. Unser Konzept, das wir international realisieren, ist neu in der Branche und stellt sie derzeit auch ganz schön auf den Kopf. Wir nennen es ‚Smart Luxury’.

 

Manufakturen und Handarbeit sind heute wieder gefragt. Wie erleben Sie die wiederentdeckte Wertschätzung von Qualität? 

Als wir das erste Mal in der Manufaktur in Montegranaro standen, die wenig später der Produzent unserer ersten Kollektion wurde, zwischen dem Leder, den Nähmaschinen, den Ambossen und den Handwerkern, die vertieft in ihre Aufgabe an den Werkbänken standen, wussten wir, dass es an der traditionellen Technik nichts zu verbessern gibt! Diese Kunst ist auf der Höhe der Zeit; das Wissen, die Erfahrung von Generationen, das kann man nicht mal eben so nachmachen oder neu machen, auch die Liebe des Handwerkers zum Schuh ist etwas, das sich nicht imitieren lässt – ob sie da ist, sieht man dem fertigen Produkt ganz einfach an. Wir freuen uns, dass Qualität heute wieder ein zunehmend großes Gewicht bekommt und eine Rückbesinnung zur Klasse stattfindet, was sich derzeit auch bei unserem Mass-Customization-Angebot zeigt: Auf unserer Website können Kunden sich ihre eigenen Schuhe designen, übrigens bald auch auf ihrem eigenen Leisten, im Rahmen unseres neuen Bespoke-Service. Zunehmend mehr Kunden machen davon Gebrauch – und sie kommen immer wieder in den Konfigurationsbereich zurück, um sich ein neues Paar anfertigen zu lassen. Uns ganz persönlich macht es auch stolz, dass wir einen Teil dazu beitragen, traditionellen Fertigungsmethoden mit unserem Angebot eine Zukunft im 21. Jahrhundert zu geben; das haben wir durch die radikale Überarbeitung des Vertriebskonzeptes erreicht. Am Wachstum von Scarosso partizipieren inzwischen mehr als zwölf Produzenten in Italien und wir sind mit weiteren im Gespräch.

 

In den vergangenen Monaten haben Sie Ihre ersten eigenen Stores eröffnet. Warum dieser Schritt? 

Online können wir alle Kunden erreichen – offline aber geben wir dem Einzelnen die Möglichkeit, unsere Schuhe, unsere Designs vor Ort zu erleben und sich persönlich beraten zu lassen. Das synergetische Verknüpfen aller Kanäle und umfassender Service ist ein sehr wichtiger Aspekt unseres Angebotes. Wir gehören zu den ersten E-Commerce-Unternehmen am Markt, die den neuen Weg des Omni-Channelling konsequent gehen, das heißt, wir bedienen sämtliche Absatzkanäle parallel und wir setzen hier auch neue Maßstäbe. 

 

Wie viele Schuhpaare hat der Gentleman heute in seinem Kleiderschrank? Manche Frauen kommen inzwischen auf mehrere Hundert. Ist der Gentleman auch schon so weit?

Die Anzahl der Schuhpaare, die ein Mann zu Hause hat, variiert sehr stark. Generell kann man sagen, dass die Tendenz steigend ist, das zeigt das kontinuierliche Wachstum des Marktes. Männer wissen ebenso wie Frauen, dass der erste Eindruck viele Weichen stellt und einer der ersten Blicke des Gegenübers gilt sehr oft den Schuhen. Man kann sein Erscheinungsbild mit der Wahl der Garderobe stark beeinflussen; perfekt auf Outfit, Anlass und Stimmung abgestimmte Schuhe fallen positiv auf und verschaffen dem Einzelnen einen Vorteil innerhalb der Masse.

 

Ist individuelles Schuhdesign nicht sehr gewagt? Schütteln Ihre Produzenten in Italien nicht teilweise den Kopf, wenn Ihre Aufträge eintreffen?

Der Erfolg unseres Configuration-Service und die Nachfrage nach unserem neuen  Bespoke-Service, für den wir persönliche Leisten nach Maß für unsere Kunden anfertigen lassen, zerstreut jeden Zweifel. Kunden wollen heute nicht mehr nur diesen Schuh in Schwarz und den in Braun, sie sind anspruchsvoll und möchten frei wählen. Mit über vier Millionen Variationsmöglichkeiten je Schuh bieten wir unseren Kunden die maximale Auswahl – und unsere Betriebe in Italien haben mehr als gut zu tun, so profitieren alle.

 

Jeder Fuß ist anders - kann mit maßkonfektionierten Schuhen auch jeder noch so „hohe Spann", jede Differenz der Fußgrößen berücksichtigt werden?

Ja, zum einen das, zum anderen passt ein maßkonfektionierter Schuh vom ersten Augenblick an perfekt; ein Schuh, der auf dem eigenen Leisten gemacht wurde, muss nicht eingelaufen werden. Was jemanden, der viel reist, sicher auch interessiert: Den persönlichen Leisten unserer Bespoke-Kunden archivieren wir direkt in der Manufaktur. Das heißt, unsere Kunden können unabhängig von ihrem Aufenthaltsort, an jedem Ort der Welt, einen auf ihrem eigenen Leisten genau nach ihren Maßen gefertigten Schuh bei uns anfordern, den wir auch in wirklich jeden Winkel dieser Welt verschicken. Unser Bespoke-Service ist in diesem Umfang und in dieser Qualität weltweit einzigartig, Sie werden dieses Konzept so kein zweites Mal finden. 

 

Was ist wichtiger: Eleganz oder Bequemlichkeit? Oder geht inzwischen beides?

Das eine geht nicht ohne das andere. Sie sollten unbedingt unsere Schuhe anprobieren! Und ruhig auch mit anderen vergleichen – dann werden Sie wissen, warum wir so sehr lieben, was wir tun.