Stilpapst Bernhard Roetzel ist der Autor des Klassikers “Der Gentleman” - und selbst ein Gentleman par excellence. Wir sprachen mit ihm über die Vorbildfunktion des Gentlemans, warum das Brechen von Konventionen längst der neue Stil ist und auf welche Details im Jahre 2013 kein Mann von Welt verzichten sollte.

 

Ein Gentleman zu sein ist nicht leicht - was gehört heute dazu?

Es war noch nie leicht, ein Gentleman zu sein. Sofern man es als Mühe empfindet, rücksichtsvoll, zuvorkommend, höflich und zurückhaltend zu sein. Mühselig erscheint es uns in Hinblick auf die Kleidung aber erst heute. Der Mann empfindet es als Mühe, ein Hemd zu bügeln, einen Anzug zu tragen, Schuhe zu putzen und eine Krawatte zu binden, da er mit T-Shirt und Jeans aufgewachsen ist. Dieses Empfinden ist relativ neu,  denn während des überwiegenden Teils der Herrenmodegeschichte war es immer mit Aufwand und auch Unbequemlichkeit verbunden, sich zu kleiden.

 

Auf welche Details sollte im Jahr 2013 kein Mann von Welt verzichten?

Ein Einstecktuch. Rahmengenähte Schuhe. Kniestrümpfe. Und generell: Gut sitzende Kleidung.

 

Selbst bei Anzügen sind inzwischen kräftige Farben zurück - bloß für Fashion-Freaks oder auch für den stilbewussten Mann?

Der stilbewusste Mann hält sich im Büro bei der Farbe seiner Anzüge zurück. Grelle Töne beschränkt er auf das Innenfutter. Umso mutiger ist er aber bei Anlässen, die ihm mehr Freiheit gewähren. Farbenfrohe Hosen sind heute sehr modern, zum Gentleman-Look gehören sie aber schon lange. Auch Sportsakkos und Blazer sind traditionell auch in auffälligen Farben erlaubt.

 

Ein Brechen von Konventionen ist längst der neue Stil - auch für den Gentleman oder gibt es da ungeschriebene Verbote?

Der Mix von Stilrichtungen und das Brechen von Moderegeln ist so alt wie die Mode. Der legendäre Duke of Windsor hat viele Tabus gebrochen und damit einen Look geprägt, der heute als klassisch gilt. Konventionen stehen allerdings nicht zur Disposition, wenn es um Anstand und gutes Benehmen geht. Nachlässigkeit und Unaufmerksamkeit darf man nicht euphemistisch als “unkonventionelles Verhalten” darstellen. Der Gentleman ist nur Vorbild für bewusste Menschen. Die große Masse der Leute ist aber wohl eher als unbewusst zu bezeichnen. Sprich: Man tut, was einem gerade in den Sinn kommt. Ohne Rücksicht auf andere. Der Gentleman ist zwar oft auch Exzentriker und dabei egoistisch, er wahrt aber die Form.

 

[Bild: Paul Green für XUITS im Ritz Carlton Hotel, Berlin]