Mit seinem Buch "Manieren", einem Sittengemälde unserer Zeit, avancierte die kaiserliche Hoheit 2003 zum deutschen Experten für respektvolles Benehmen. Gleichwohl stammt Asfa-Wossen Asserate von äthiopischen Kaisern, Königen, Fürsten und Herzögen ab.

 

Kaiserliche Hoheit, Gratulation zu Ihrem grandiosen, neuen Buch „Deutsche Tugenden“. Wie kommt es, dass ein äthiopischer Prinz derart germanophil und versiert durch die deutsche Kulturgeschichte flaniert?

Weil er eine deutsche Vergangenheit hat. Seit dem siebten Lebensjahr hatte ich das große Glück, das Deutsche kennenzulernen. Ich hatte eine deutsche Erzieherin, die mir meine erste deutsche Fibel gab und die in mir meine Liebe zu Vanillekipferl entfachte. 1955 trat ich als einer der ersten Schüler in die deutsche Schule von Addis Abeba ein und habe dort auch mein Abitur gemacht. Als ich in Deutschland studiert und promoviert habe, sollte ich eigentlich nach Äthiopien zurückkehren, doch die revolutionären Ereignisse machten das unmöglich. Als meine Familie der fatalen Revolution zum Opfer fiel, war ich in Deutschland und so sentimental sich das auch anhören mag: Deutschland wurde zu meiner Heimat.

 

Welche Sünden entdecken Sie beim Kleidungsstil deutscher Männer?

Die Perfektion. Deutsche Männer sind einfach perfekt und das ist, mit Verlaub, eine Sünde. Wenn Sie einen deutschen Banker oder Rechtsanwalt, der etwas von Kleidung versteht, im Büro sehen, dann werden sie ihn in einem blitzeblank gebügelten, faltenfreien Anzug antreffen. Ein Engländer würde nie auf die Idee kommen, einen blitzeblank gebügelten Anzug zu tragen. Es muss immer noch irgendwo eine Falte sein, ein Zeichen dafür, dass der Anzug nicht gerade von der Stange gekauft worden ist. Früher haben sogar manche Gentlemen Steine in ihre frisch genähten Jackentaschen gelegt, nur um zu verhindern, dass sie zu perfekt und neu aussahen. Bei einem Anzug sollte man nur über die feine Maßarbeit und den grandiosen Stoff staunen und dabei nie das Gefühl haben, dass dieser gerade frisch vom Schneider kommt. Dieses Laissez-faire, diese Lässigkeit fehlt mir manchmal in Deutschland.

 

Und welche Freuden können Sie entdecken?

Nun, die Deutschen sind die einzigen, die den sogenannten Dresscode vollkommen einhalten. Äußerst minutiös. Beim Schreiben von „Manieren“ hatte ich ein riesengroßes Problem mit einem amüsanten Phänomen: NO BROWN AFTER SIX, nur in Deutschland habe ich immer wieder dieses ominöse Mantra gehört. Wie ein Wilder habe ich versucht in England heraus zu finden, woher das kommt. Ich habe einen englischen Herzog gefragt, ich habe einen englischen Banker gefragt, ich habe die gesamte fashionable Glitterati befragt: Kein einziger Engländer hatte je von dieser Maßgabe gehört. Meine Recherchen ergaben, dass dieses „Gesetz“ in Hamburg entstanden ist. Da waren die Hamburger wohl doch ein wenig zu anglophil.

 

Welche drei Kleidungsstücke sind für einen Herrn ein Muss?

Ein Blazer mit einer dunklen, grauen Flanellhose, ein dunkelblauer Anzug, es kann auch ein gestreifter Anzug sein und dann – natürlich - der Smoking. Aber wissen Sie was? Ich kenne keinen Mann, sei er noch so korpulent, sei er noch so unattraktiv, der nicht schick in einem Frack aussieht. Ich liebe den Frack.

 

Haben Sie ein Lieblings-Kleidungsstück?

Natürlich habe ich eine Tweedjacke aus sehr robustem Tweed, irischem Tweed, die ich sehr gerne im Winter trage. Eigentlich ist es ein Anzug mit einer Weste. Ich versuche aber immer, eine sehr leicht Gabardine Hose dazu zu tragen. Das sieht sehr viel schicker und lässiger aus.

 

Was war Ihr größter modischer Fauxpas?

Dieser modische Fauxpas war schon dreißig, nein, ich darf nicht lügen, 40 Jahre her. Mein Gott! Als ich 1970 in Cambridge studiert habe, da gab es den alljährlichen May Ball, da sollte man entweder im Frack oder im Smoking erscheinen. Ich fand, dass ich als Afrikaner durchaus lässiger auftreten könnte und kam, wenn ich das selber so sagen darf, in einem genialen, weißen Dinner Jacket (lacht). Ein durchaus amüsanter Fauxpas. Leider nicht für mich, denn dieses interessante Kleidungsstück sollte man eher in südlichen Hemisphären tragen oder auf einer Kreuzfahrt - da ist es schon fast wieder ein Muss.

 

Woran erkennen Sie einen Gentleman?

An zweierlei Dingen: Erstens, wie er in einem Restaurant den Kellner behandelt und zweitens, wie er eine Dame behandelt. Ich meine damit nicht nur, dass er ihr in den Mantel hilft, die Türe aufmacht, etc. Viel eher wie er dieser Erscheinung, denn die Dame ist überhaupt eine vollkommen europäische Erfindung, eine kolossale Einzigartigkeit in der Kultur der Welt, gegenüber tritt. Wissen Sie, in anderen Kulturen gibt es die Dame nicht, nicht in dieser Form. In dieser Hinsicht wird nur ein wahrer Gentleman eine Dame gerade in spiritueller, geistiger Form hoch verehren, als eine Institution. Ein Snob hilft einer Dame in einen Mantel, um ihr entweder ins Dekollete zu schauen oder aber, um sich zu profilieren. Ein wahrer Gentleman liebt es, eine Dame zu hofieren, zu verehren und ihr die Hand zu küssen. Ich wurde immer wieder fast beschimpft, wie ich die Etikette brechen könne, weil ich jeder Dame, auch auf der Straße einen Handkuss gab. Meine Antwort ist bis heute: Jede Frau ist für mich eine Dame, es sei denn sie überzeugt mich vom Gegenteil.

 

Die Nelke im Knopfloch? Ja oder Nein?

Ja, Ja! Sie ist ja leider Gottes immer seltener zu finden. Mir persönlich ist sie fast zu groß. Ich bevorzuge, gerade im Sommer, eine Kornblume. Ich liebe dieses einzigartig schöne Blau, ihre kompakte Form. In meinen Augen ist sie fast eleganter. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, haben genau zwei Menschen immer eine Rose im Knopfloch getragen: Jawaharlal Nehru und Jomo Kenyatta.

 

Finden Sie es erstaunlich, dass die Sehnsucht nach Handwerk und Einzigartigkeit immer größer wird?

Absolut! In einem Zeitalter, in dem das Handwerk langsam ausstirbt. Wo finden sie heutzutage einen Sattler? Handgenähte Schuhe? Früher ging fast jeder Mensch zum Schuhmacher. Heute ist das ein wahnsinniger Luxus, sich handgenähte Schuhe machen zu lassen.

 

„Geiz ist geil“ ist eine Mentalität, die Ihnen an den Deutschen missfällt. Glauben Sie, dass dieses Phänomen ein typisch deutsches ist?

Nein, das finden sie leider Gottes in ganz Europa. Ein bedauerliches Resultat unserer materielllen Gesellschaft, die alles nur auf Materie aufbaut, eine hedonistische Beziehung zu allem Materiellen hat und die alles zwanghaft bewacht, hortet und nicht an andere Leute denkt. Diese Entwicklung empfinde ich als sehr bedenklich.

 

Wenn es die „Drei Weisen“ in Deutschland gäbe, ohne die kein neues Gesetz in Kraft treten dürfte, wer wären diese Drei?

Die Autorität, die Institution, die uns sagen soll „das geht, jenes nicht“ gibt es in Deutschland nicht. In Klammern: Gott sei Dank! Die drei Weisen sind für mich: das eigene Gewissen, die Selbstkritik und die innere Herzensbildung. Jeder müsste für sich der höchste Richter sein, dann brauchen Sie auch keine „drei Weisen“. Wissen Sie, jeder noch so große Erfolgsmensch, perfekt und strahlend schön, tadellos angezogen, ist ein Nichts, wenn er keine innere Herzensbildung in sich trägt, keine innere Haltung und Manieren hat und einfach nur an seine Profitmaximierung denkt.

 

Ihr liebster Ort in Deutschland?

Oh, das ist nicht so leicht. Ich habe viele Orte in Deutschland, die ich liebe. Im Norden ist es Heiligendamm, in der Mitte ist es natürlich Frankfurt, der wunderbare Taunus und im Süden liebe ich die bayrischen Seen.

 

Und auf der Welt?

Da gibt es eine kleine Halbinsel auf dem Tanasee in Äthiopien. Ein unglaubliches Paradies mit einem Kloster aus dem 14. Jahrhundert. Heimat, einer der schönsten deutschen Wörter, wie ich finde. Welche Bedeutung hat Heimat für Sie? Für mich ist meine Heimat Deutschland und Äthiopien ist mein Vaterland.

 

Unsere Gesellschaft wird immer akkurater, fast biedermeierlich. Sämtliche Laster werden zur öffentlichen Inquisition. Steuern wir einem zweiten Philistertum entgegen?

Ich meine wir haben inzwischen eine Tabak-Taliban in Deutschland, die unentwegt danach schnüffelt, wo sich gerade Tabak in Rauch verwandelt. Das ist entsetzlich! Auf der einen Seite habe ich natürlich Verständnis für alle Menschen, die beseelt davon sind, sich dem Rauch zu entziehen, weil sie Angst haben, krank zu werden. Und selbstverständlich akzeptiere ich, dass sie ohne Qualm essen und trinken können. Aber glauben Sie mir, das war vor 100 Jahren nicht anders, jede Gaststätte, jedes Privathaus hatte ein Raucherzimmer. Das heißt: Bitte ein bisschen mehr Toleranz. Man sollte tunlichst vermeiden, Menschen zu Außenseitern zu machen. Heute sind das die Raucher, werden es morgen die Fleischesser und übermorgen diejenigen sein, die Alkohol trinken? Was ist das für eine Gesellschaft? Eine Gesellschaft von Puristen, von Vegetariern und Nichtrauchern, was kommt danach? Sie wissen doch, der größte aller Menschenverachter war Vegetarier und Nichtraucher! Kaiserliche Hoheit, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Interview führte Verena Zink.